Zusammenfassung
Es war einmal in einem kleinen Dorf namens Höflichkeit, wo die Bewohner großen Wert auf gute Manieren legten. Jeder begrüsste sich mit einem höflichen Lächeln, jeder hielt die Türen offen und selbst beim Verzehr von Mahlzeiten war stets darauf geachtet, dass keine Geräusche zu hören waren. Es war ein Ort, an dem Höflichkeit den Alltag bestimmten und wo Unhöflichkeit als das größte Verbrechen galt.
Eines Tages kam ein reisender Geschichtenerzähler in das Dorf. Er war berühmt für seine fesselnden Geschichten und wollte die Dorfbewohner mit seinen Erzählungen unterhalten. Als er ankam, wurde er von den freundlichsten Menschen empfangen, die ihm mit übertriebener Höflichkeit begegneten. Jeder wollte ihm helfen, ihm Geschenke machen und ihn mit Komplimenten überhäufen. Doch je mehr sie ihn umgaben, desto unwohler fühlte er sich.
Der Geschichtenerzähler begann, an ihren guten Manieren zu zweifeln. „Sind diese Menschen wirklich freundlich oder ist es nur eine Maske?“ fragte er sich. Schließlich entschied er sich, seine Geschichte zu erzählen, in der Hoffnung, dass die Dorfbewohner ihm dann ihre Aufmerksamkeit schenken würden, ohne ständige Höflichkeiten auszutauschen. Doch während er sprach, unterbrachen sie ihn ständig, um ihn zu loben oder ihm Geschenke zu überreichen. Die Übertreibung ihrer Höflichkeit erstickte die Geschichte, und der Geschichtenerzähler verlor den Faden.
Als die Geschichte vorbei war, fühlte er sich erschöpft und frustriert. „Eure Höflichkeit ist nach allem ein Fluch geworden“, sagte er. Die Dorfbewohner blickten verwirrt und beschämt auf den Boden. Sie hatten nie daran gedacht, dass ihre übertriebenen Manieren unhöflich sein könnten. Von diesem Tag an lernten sie, dass es wichtig ist, Höflichkeit in Maßen zu zeigen, damit die natürliche Freundlichkeit nicht in das Absurde abgleitet. Und so lebten die Dorfbewohner von Höflichkeit fortan in echtem Miteinander, in einem ausgewogenen Spiel von Respekt und Freundschaft.

